Kurz nach der Befreiung vom Faschismus gründete die Centrale Sanitaire Suisse (CSS) in Stuttgart die Süddeutsche Ärzte- und Sanitätshilfe (SÄS). Aufgabe der SÄS war die medizinische und humanitäre Hilfe für ehemalige Widerstandskämpfer, Verfolgte und ihre Angehörigen. Nach der Übergabe von Unterlagen über die Arbeit der CSS/SÄS durch die VVN-BdA Baden-Württemberg an den Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 wurde die Kartei in Form einer Datenbank mit ca. 4.500 Namen erschlossen und steht nun der wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung.

Die Süddeutsche Ärzte- und Sanitätshilfe (SÄS) der Centrale Suisse Sanitaire (CSS)

Schon vor der Befreiung kam die CSS überein, ihre Hilfstätigkeit (die bis dato vor allem den spanischen Republikanern und den Partisanen in Jugoslawien gegolten hatte) auf Deutschland auszudehnen. Anders als z.B. das Rote Kreuz, Care oder die Quäker beschränkte sie diese - bewusst - auf die "Opfer und Kämpfer gegen den Faschismus".

Für die amerikanische und die französische Zone wurde im Sommer 1945 die "Süddeutsche Ärzte- und Sanitätshilfe der CSS, Gemeinnütziges Hilfswerk e.V." mit Sitz in Stuttgart und Tübingen gegründet. "Sie ist eine überparteiliche, selbständige Organisation, ... mit eigenen Untersekretariaten und Vertrauensleuten ... Sie ist keine reine Verteilerorganisation der schweizerischen Spenden der CSS, sondern in erster Linie eine deutsche Selbsthilfeorganisation für die ehemals vom Nazi-Regime Verfolgten", so der Bericht der CSS-Generalversammlung vom 8.12.1946.

Die meisten ehemaligen Gefangenen waren in höchstem Maße gesundheitlich geschädigt. Die CSS half den Opfern des NS-Regimes und ihren Angehörigen vor allem durch ärztliche und zahnärztliche Untersuchung und Behandlung, Bereitstellen von Medikamenten, Stärkungsmitteln und Lebensmitteln, Vermittlung von Erholungsaufenthalten und medizinischen Kuren. Da setzte die Hilfe an, aber sie zielte weiter. Dr. von Fischer hat dies Ende 1945 so ausgedrückt: "Ich glaube nicht, dass die KZ-Insassen alle so geschädigt sind, dass sie geschont und gepflegt werden müssen, ich glaube, dass diese Leute an die Spitze des deutschen Volkes gehören, dass sie die Hefe sind, die diesen Teig wieder zum Gehen bringen wird. Ich glaube, dass die Verfolgten von Gestern eben die sein werden, die morgen ein neues Deutschland aufbauen." (vgl. von Fischer: Rede auf der Ärzte-Konferenz der SÄS, 23.11.1945 im Harpprechthaus in Schopfloch, Protokoll S. 14).

Sehr rasch baute die SÄS ein Netz mit einer großen Zahl von Vertrauensärzten, Zahnärzten, Dentisten und Apotheken auf. Alle zurückkehrenden Opfer und Familienangehörige wurden medizinisch untersucht. Je nach Diagnose wurden konkrete Behandlungsschritte vorgeschlagen: Krankenhaus, Erholungsheim, Sanatorium, Zahnbehandlung (die SÄS unterhielt in Stuttgart ein eigenes Zahnlabor). Durch Spenden der CSS konnten die SÄS-Ärzte den Verfolgten hochwertige Medikamente, z.B. Penicillin, die sonst in Deutschland nicht erhältlich waren, verschreiben oder den Sanatorien überlassen, ebenso Stärkungsmittel wie Malzextrakt und Dextrose. Die CSS baute einen eigenen Transportdienst auf. Hin und wieder gab es Paketaktionen mit Butter, Margarine, Haferflocken usw. und insbesondere für Kinder Milch, Ovomaltine und Schokolade; sie wurden über Partnerorganisationen an die Bedürftigsten verteilt.

Von 1945 bis 1949 unterhielt die SÄS eine Anzahl Erholungsheime und Sanatorien und hatte Belegungsrechte in weiteren Häusern. Dafür bestand ein großes Bedürfnis: in NRW gab es noch 1947 Klagen über mangelnde Erholungs- und Kurmöglichkeiten: den 49.000 Verfolgten und Angehörigen standen ganze 100 Plätze zur Verfügung (Vgl. Deutscher Bundestag, Drucksache 15/3084, 4. 5. 2004, S. 1); in Frankfurt verbot die Stadt der Betreuungsstelle kurzerhand Verhandlungen über die Pacht eines Heimes, das die Verfolgten selbst instand setzen wollten ( vgl. VVN-Nachrichten vom 17.5.1947, 13 Protokoll der Arbeitstagung der hess. Betreuungsstellen vom 11.5.1946, S. 2, 32f.).

Als erstes wurde am 10.8.1945 das Harpprechthaus in Schopfloch auf der Schwäbischen Alb übernommen. Es bot 26 Personen Platz. Nach einem dreiviertel Jahr hatten sich ca. 400 Opfer und Angehörige für vier Wochen erholen und stärken können. Der Aufenthalt war, worauf die SÄS viel Wert legte, für die Verfolgten "vollständig kostenlos", die Städte Stuttgart und Mannheim zahlten für ihre Bürger, für andere kam zunächst die SÄS/CSS, später die Wiedergutmachungsämter und ggfs. die Krankenkasse auf. 1949 wurde es an den Alpenverein zurückgegeben (vgl. SÄS-Rundschreiben Nr. 2/1945; VVN-Nachrichten 2.9.1947). Weitere Erholungsheime gab es in Hinterzarten/Schwarzwald (Emil Kresse-Heim, 20 Betten), Ramsau bei Berchtesgaden (Altes Forsthaus, 30 Betten) und in Edenkoben/Pfalz ("Waldhaus") sowie für Kinder das Otto Hoffmeister-Haus in Schopfloch, das Haus Sonnenhalde in Rudersberg und das Heim Ole Hoop in Reichenbach bei Oberstdorf.

Ab 1946 bzw. 1947 betrieb die CSS drei Sanatorien in eigener Regie: das "Erholungsheim für politisch, rassisch, religiös Verfolgte" in Bad Salzhausen, das vor allem Herz-, Kreislauf- und Nervenkranke aufnahm, es hatte 37 Plätze, in zwei Jahren waren fast 700 Menschen in Kur ; das "Haus an der Sonne" in Bad Mergentheim bot 23 Personen Behandlungsmöglichkeiten bei Magen-, Galle-, Leber-, Zucker- und Darmkrankheiten und das Kindersanatorium Menterschwaige bei München. 1948 bzw. 1949 liefen die Verträge aus. Einzig die im Herbst 1948 eröffnete TBC-Heilstätte in Frauenalb/Nordschwarzwald wurde bis Mitte der 1950er Jahre weiterbetrieben.

Alle Heime boten sowohl die Möglichkeit des Ausspannens, der Ruhe, des Alleinseins als auch der Geselligkeit und des Gedankenaustauschs mit anderen Verfolgten, die durchaus unterschiedliche Verfolgungsschicksale und weltanschauliche Ansichten hatten. Zusätzliche Ernährung war dank der Spenden aus der Schweiz möglich. Stolz vermerkt eine SÄS-Mitarbeiterin, dass in der Regel "Gewichtszunahmen von einigen Kilo zu verzeichnen sind."

Wer konnte Leistungen der SÄS/CSS beanspruchen?

Diese Frage war teils politisch, teils praktisch zu lösen; letzteres wegen der begrenzten finanziellen Mittel und der beschränkten Zahl von Erholungs- und Sanatoriumsplätzen. In Schopfloch z.B. war der Andrang so groß, dass im ersten Jahr nur Verfolgte (oder Angehörige) mit mindestens fünf Jahren Haft in das Erholungsheim reisen konnten.

Der Personenkreis der zu betreuenden Personen wurde im August 1945 wie folgt festgelegt (SÄS-Rundschreiben Nr. 2):

"I. Politische Überzeugungstäter
Es handelt sich hier um Personen, die bewusst und gewollt in den meisten Fällen im organisierten Zusammenhang mit Gleichgesinnten aus politischen Gründen gegen das nationalsozialistische Regime Widerstand leisteten.

II. Politische Gelegenheitstäter
Darunter sind Personen zu verstehen, welche meistens vereinzelt ohne zielbewusste
Absicht durch Verbreitung von Nachrichten usw. dem nationalsozialistischen Regime schadeten.

III. Verfolgte aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen
Bedingung für diesen Personenkreis ist, dass die in Frage kommenden Personen (Katholiken, Protestanten, Bibelforscher, Freimaurer usw.) infolge ihrer weltanschaulichen Einstellung in einem Konzentrationslager, Zuchthaus oder Gefängnis gehalten wurden.

IV. Verfolgte aus rassischen Gründen
Unter diesen Personenkreis fallen alle diejenigen, die durch die Nürnberger Gesetze betroffen wurden (Juden, Mischlinge, Zigeuner usw.), wenn sie in einem Konzentrationslager, Zuchthaus oder Gefängnis infolge ihrer Rassenzugehörigkeit
inhaftiert waren.

V. Emigration und Personen aus der Illegalität
Bedingung für die Betreuung dieser Personen ist, dass sie sich durch Emigration oder Illegalität dem Zugriff der Gestapo entzogen haben und nachweisbar im In- oder Ausland den Kampf gegen das Nazi-Regime führten.

VI. Hinterbliebene
Als Hinterbliebene sind Witwen, Kinder und Eltern von Personen zu betrachten, die in den Konzentrationslagern, Gefängnissen und Zuchthäusern gestorben sind oder wegen ihres Kampfes gegen den Nazismus gemordet bzw. hingerichtet wurden. Bei den Hinterbliebenen ist entscheidend, ob sie treu zu den Verstorbenen, Gemordeten und Gerichteten gestanden und auch ihrerseits den Faschismus durch ihre Haltung abgelehnt haben. Von der Betreuung scheiden aus hinterbliebene Ehegatten bei Wiederverheiratung und Kinder bei Verheiratung oder Mündigkeit.

VII. Sonderfälle

Darunter ist zu verstehen: Wehrkraftzersetzung, Spionage, Angehörigkeit zu einer früheren militärischen Formation oder Vereinigung wie Berufssoldat, Stahlhelm, Aufbruchkreis, Schwarze Front, 20. Juli Revolte, frühere Mitgliedschaft in der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen usw.
a) Bei Wehrkraftzersetzung, Spionage ist das Motiv zur Handlung entscheidend. Rein individuellegoistische Beweggründe oder Gewinnsucht schließen die Betreuung aus.
b) Bei Berufssoldaten, Stahlhelm usw. ist Bedingung, dass sie durch aktive Handlungen gegen Militarismus und Nazismus sich betätigt haben.
c) Frühere Mitglieder der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen müssen den einwandfreien Beweis erbringen, dass sie von dem verbrecherischen Treiben des Nationalsozialismus überzeugt den aktiven Kampf gegen die NSDAP aufgenommen
haben."

Diese politischen Kriterien lehnten sich an die der Verfolgtenorganisationen an. Einige Gruppen, die durch die späteren Entschädigungsgesetze ausgeschlossen oder erst später anerkannt wurden (z.B. Spanienkämpfer, Teilnehmer am "Mössinger Generalstreik", Emigranten, Beteiligte am 20. Juli, 999er), wurden von Anfang an in die Hilfe einbezogen. Die Notwendigkeit medizinischer Betreuung war im Grundsatz auch von den Regierungen anerkannt, die der SÄS zunächst relativ freie Hand ließen. In der Praxis stützte sich die SÄS auf die Ausweise und Registrierkarten der Behörden und Verfolgtenorganisationen, ohne sie erneut zu überprüfen. Wer einen solchen Ausweis beantragte, musste entweder beweiskräftige Belege oder drei Zeugen für Widerstand und Verfolgung beibringen. Für die "Politischen" war dies eher möglich, da sie meist in organisiertem Zusammenhang gehandelt hatten. Schwieriger war dies für so genannte Einzeltäter, die z.B. wegen "Abhören ausländischer Sender" oder "Wehrkraftzersetzung" inhaftiert worden waren. Eine große Zahl von Antragsstellern - zwischen einem Drittel und der Hälfte - wurde abgelehnt, weil sie die Kriterien für die Anerkennung als politisch, rassisch oder religiös Verfolgte nicht erfüllten oder belegen konnten.

1946 vereinbarten der Landesausschuss politisch Verfolgter und die Stuttgarter Polizei eine "KZ-Prüfstelle", in der u.a. der ehemalige Verfolgte Eugen Waller arbeitete. Sie prüfte die Angaben und Unterlagen der Antragssteller und wies den Landesausschuss auf Zweifel am Verfolgtenstatus hin. Diesem Abkommen trat die SÄS bei, besonders bei Fällen, in denen Personen sich direkt wegen medizinischer Hilfe, Erholungsaufenthalten etc. an sie gewandt hatten. In der Kartei finden sich relativ wenig Ablehnungen von als "kriminell" oder "asozial" Eingestuften (85). Aus den Unterlagen lassen sich die konkreten Gründe nicht rekonstruieren, das bedürfte einer gesonderten Prüfung.

So finden sich unter den von der CSS/SÄS betreuten Menschen, die die ganze Breite dieser Minderheit - der WiderständlerInnen und Verfolgten sowie ihrer Angehörigen und Hinterbliebenen - abbilden. Insbesondere die über 600 in der CSS-Kartei erhaltenen Lebensläufe erschließen die unglaubliche Vielfalt der Schicksale:

  • Menschen, die ab Februar 1933 in die frühen KZ in Breitenau, Osthofen oder auf dem Heuberg gesperrt wurden und dann, in ein Strafbataillon gepresst, doch noch an dem Angriffskrieg teilnehmen mussten;
  • Menschen, die in den Kriegsjahren wegen eines Witzes oder des Hörens ausländischer Sender verurteilt worden waren;
  • Beteiligte des "20. Juli" und
  • Menschen, die im Rahmen der "Aktion Gitter" erneut in die KZ eingeliefert wurden;
  • junge Männer, die die "Waffen nieder" legten, sich dem Morden im Krieg durch Desertion entzogen und von den Feldgerichten gnadenlos abgestraft wurden;
  • Frauen und Männer, die von ihren Arbeitgebern entlassen worden waren, auf Wink der Gestapo immer wieder Schwierigkeiten auf den Arbeitsstellen hatten und keine Unterstützung erhielten;
  • Mitglieder der "Weißen Rose" ...

Die Datenbank CSS bietet demnach ein besonderen Schatz für Recherchen zu Verfolgten und Gegnern des NS-Regimes.

 

Literatur:

Hermann Unterhinninghofen. "Die Verfolgten von gestern sind die Erbauer der Zukunft." Zur humanitären Hilfe der Centrale Sanitaire Suisse für NS-Opfer. In: informationen. Studienkreis: Deutscher Widerstand Nr. 62, 2005, S. 5ff